Ich geh !

 

Auf einmal war es totenstill in der Höhle. Stundenlang hatten sie heiß diskutiert, bis der Neue plötzlich aufstand und dieses unmögliche Wort sagte:

"Ich geh!" Aber das hätte er nicht tun dürfen. Nun ging es nochmal richtig los.

"Hier", schrie ihn Jona an und riss sich seinen letzten Fetzen Oberhemd vom Leib, "guck dir das genau an und riech mal!" Entsetzt fuhr der Neue zurück und auch die anderen wandten sich voller Ekel ab. Eitrige Geschwüre bedeckten den ganzen Oberkörper und stanken, dass einem übel wurde. "Auch bei mir fing es so harmlos klein an wie bei dir. Auch ich habe Frau und Kinder verlassen müssen wegen Ansteckungsgefahr. Und ich war Kirchendiener. Glaubst du, ich habe diese elenden fünf Jahre nicht um Heilung gebetet? Und du willst gehen? Man merkt wirklich, dass du ein Ausländer bist und keine Ahnung hast! Du bist ja vollkommen ausgeflippt!"  "Absolut kindisch, Seleth ", pflichtete ihm Samuel bei, "nur weil dir dein kleiner Benjamin gesagt hat, dass heute ein bedeutender Prediger vorbeikommt, der irgendwann irgendjemanden geheilt haben soll. Weißt du eigentlich, wie viel selbsternannte Heiler und Propheten in Israel herumlaufen? " "Nein, ist mir auch egal", antwortete Seleth trotzig, "weißt du es denn?"

"Nee, nicht genau, aber es sind jedenfalls viele."

     Mosche mischte sich ein: "Und wenn es wirklich so ist, dass dein Prophet heilen kann. - Wie hieß er überhaupt noch mal?" - "Davidson" - "Also, wenn dein Davidson wirklich ein echter Heiler ist und dazu ein Prediger. Glaubst du etwa, wir dürfen einfach so mir nichts dir nichts zu ihm kommen? Du hast ja keine Ahnung. So ein Prediger ist rein, der ist heilig. Und wir sind unrein und unheilig."

"Und außerdem ist es verboten", sagte ein Fünfter.

"Und wenn wir hingehen, und es klappt nicht? - Was dann?", gab ein anderer zu bedenken.

     Da sagte Seleth, der Neue aus Samarien:

"Und was ist, wenn es klappt, was dann? Man könnte es doch einfach mal versuchen. Versuch macht klug! Was kann uns denn schon passieren? Ich versuche es einfach, ich geh!" Und damit wandte er sich dem Ausgang zu.

"Du wirst nicht gehen", baute sich Jona vor ihm auf. "Wir sind hier eine eingeschworene Gemeinschaft. Da geht man nicht einfach. Hier muss man zusammenhalten." - "Stimmt", sagte der alte Joel, "und ich habe lange nicht mehr so eine interessante Diskussion erlebt. Wäre doch schade, wenn wir nur noch neun wären. Man braucht zehn Männer, um einen Gottesdienst zu feiern." "Stimmt nicht ganz", mischte sich Ruben ein, "es müssen zehn Juden sein, und dieser hier ist ein Ausländer. Trotzdem habe ich unsere Diskussionen langsam satt. Ich finde nämlich, dass Seleth recht hat. Was haben wir denn schon zu verlieren? Warte, Seleth, ich komm mit."

 

     Auf einmal schlug die Stimmung um. "Bisschen frische Luft tut meinen alten Knochen auch mal ganz gut", meinte der alte Joel, "ich geh 'n paar Schritte mit nach draußen."

"Ja geht nur schön, geht mit dem Samariter und vergesst ja nicht eure Klappern und schreit immer schön, wenn euch Menschen sehen", höhnte Jona.

     Aber nachdem schon drei gesagt hatten, dass sie gehen wollten, hörte man plötzlich: "Wartet, ich komme mit!" - "Ich auch" - "Was soll ich hier rumsitzen, mal sehen was passiert!" "Schlimmer kann es sowieso nicht werden, höchstens besser."

 

     Auf einmal gingen nach und nach die von Lepra zerfressenen, stinkenden und zerlumpten Gestalten aus der finsteren Höhle, weitab von der Straße und vom nächsten Dorf in das grelle Licht der Mittagssonne. Der Samariter, der gesagt hatte, "ich geh", ging vorne weg, die anderen kamen hinterher. Als Jona merkte, dass er allein zurückblieb, kam er doch noch hinterher und nörgelte: "Allein bleib ich auch nicht in der Höhle. Wenn ihr unbedingt gehen wollt, meinetwegen."

 

     So zogen die zehn Männer durch die Feldwege, schwangen ihre Klappern und riefen, wenn sie einen Menschen von weitem sahen "Unrein, unrein....", bis sie zur großen Landstraße in die Nähe eines Dorfes kamen. Hier sollte der Rabbi Davidson, der mit Vornamen Jesus hieß, vorbeikommen. Sie bauten sich in gehöriger Entfernung von der Straße am Anfang des Dorfes auf und warteten.

"Ist immer noch nichts zu sehen?", fragte Mosche.

"Ich seh‘ nichts", meinte Ruben. "Geht nicht so dicht an die Straße", rief Jona, "das ist verboten!" - "Schon gut", wir passen ja auf! "

     "He, da hinten, da kommen mehrere Leute". "Das könnten sie sein", sagte Seleth, der Samariter. "Benjamin sagte mir, dass Jesus Davidson immer seine zwölf Freunde bei sich hat." "Sechs, sieben, acht..elf, zwölf, dreizehn...das sind sie. Genau 13. Jesus und seine Freunde." "Schnell, geht weg von der Straße, sonst kriegen wir Ärger. Die Klappern in Gang setzen! "

 

     Und so klapperten sie und schrien: "Unrein, unrein." Denn sie waren unrein und die anderen waren rein. Sie waren Sünder, die anderen waren heilig. Sie waren von Gott vergessen. Die anderen waren von Gott geliebt. Als Jesus mit seinen Freunden näher kam und die Gruppe von Aussätzigen anblickte, da hörten sie auf mit dem Geschrei und dem Geklapper. Jesus blieb mit seinen Freunden stehen, beide Gruppen standen einander gegenüber, keine zehn Schritte voneinander entfernt. Da hielt es die Aussätzigen nicht mehr. In einer Mischung von Hoffnung und Verzweiflung riefen sie:

     "Jesus, lieber Prediger, erbarme dich unser!" Und Jesus blickte die fremden Aussätzigen fest und freundlich an und sagte: "Geht hin und zeigt euch den Priestern!" Dann ging Jesus mit seinen Jüngern die Straße nach Jerusalem weiter und ließ die Aussätzigen zurück.

 

     "Wie soll denn das gehen?", rief Jona enttäuscht, " Den Priestern zeigen, so wie wir sind? Das ist gegen das Gesetz! Weiß dieser Prediger denn nicht, dass man sich dem Priester erst zeigen darf, wenn der Aussatz weg ist? "

Sie wurden unsicher und fingen an zu meckern. "Er hätte wenigstens für uns beten können. Ich hab gehört, der soll auch richtig gut beten." - "Schwacher Trost !"

     Und so standen sie einige Zeit enttäuscht und unsicher, ob sie zur Höhle zurückgehen sollten oder noch mal Jesus nachlaufen und fragen, wie er das gemeint hatte.

Da sagte der Samariter Seleth auf einmal wieder: "Ich geh!"

"Was, wie, wohin, warum?" riefen die anderen. "Ich geh zum Priester. Ich tu, was Jesus gesagt hat. So einfach ist das. Jesus hat gesagt, geht und zeigt euch den Priestern, also gehe ich und zeige mich meinem Priester." "Aber wir sind doch noch unrein, und der Priester ist rein."

     "Ich verstehe das auch nicht, aber ich tu, was Jesus sagt. Ich geh." Und damit machte sich der Samariter auf den Weg in das nächste Dorf, weg von der Richtung, die Jesus gegangen war. Nach und nach kamen auch die anderen hinterher, traurig, zweifelnd, hoffend, nachdenklich, Schritt für Schritt.

 

     Bis auf einmal jemand einen überraschten Schrei ausstieß. Es war Ruben: "He, Leute, irgendetwas ist mit meinem Arm passiert. Das juckt so, und wenn ich hier ein bisschen dran pule, fällt das ab und darunter ist die Haut rein. Das gibt es doch nicht. Ich jucke mich, die alte Haut fällt ab, darunter ist sie heil und rein."

Da schrie ein anderer, "bei mir auch", der alte Schorf löst sich von selbst, meine Haut ist ganz hell." "Bei mir auch", ..."ich spür‘s auch"

Und auch Seleth, der Samariter wurde rein. Alle wurden sie innerhalb kurzer Zeit rein und geheilt während sie gingen. Und als sich alle bewusst wurden, was für ein Wunder geschehen war, tanzten und jubelten sie vor Freude.

"Ich bin rein, ich kann nach Hause, zu meiner Frau zu meinen Kindern." "Jetzt aber sofort zu den Priestern und dann wird gefeiert. Juhuuu . Hallelujah" Und alle rannten in Richtung des nächsten Dorfpriesters.

 

     Aber nicht alle rannten. Einer blieb. Er stand. Er ging nicht. Er schaute auf seine reinen Hände und seine rein gewordenen Beine. Große Tränen fielen auf seine Hände.

"Wer ist dieser Mann, der mich geheilt hat? Wer ist dieser Jesus? Ich muss ihn finden." Und so ging der Samariter nicht ins Dorf, nicht zum Priester, nicht nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern, er ging erst, dann lief er, dann ging er wieder, die ganze lange Straße Richtung Jerusalem, die Jesus mit seinen Jüngern gegangen war. Die Gruppe tauchte wieder auf, er überholte sie, drehte sich um und fiel vor Jesus auf die Knie. Jesus blieb stehen und mit ihm seine Jünger. "Danke, Jesus, danke, du Sohn Davids, danke, Rabbi, danke, dass du mich rein und heil gemacht hast. Gott sei gelobt und gepriesen."

 

     Jesus antwortete aber: "Sind nicht alle zehn rein geworden? Wo sind die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Ausländer? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen."

 

 

(nacherzählt aus dem Neuen Testament der Bibel: Lukas 17, 11-19, Die Bibel )

 

© H.W.Euhus

 

Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Jürgen Werth