Du bist begabt

 

Der deutschstämmige Wilfried Leutefreund war Boss der angesehenen Firma „Klug & Weise“ in Boston, USA.

Seine Firma handelte mit allen möglichen Sachen und hatte Tochterfirmen überall in der Welt. So war es nicht verwunderlich, dass Wilfried Leutefreund die meiste Zeit im Flugzeug verbrachte, so dass seine Frau schon sagte: „ Wann bist du endlich mal wieder zu Hause, Schatz ? - Die Kinder fragen nach dir und ich vermisse dich auch.“ „Du hast ja Recht, Liebling, aber du musst doch einsehen: Wenn ich da bin, bin ich auch ganz für euch da, stimmt' s ?“ Und da musste seine Frau ihm Recht geben. Die wenigen Tage und Wochen im Jahr, die er zu Hause war und an den Wochenenden, war Wilfried ein liebevoller Ehemann und Familienvater.

     Eines Tages hatte er in der Firma eine Konferenz mit seinen wichtigsten Angestellten, den Herren Heinrich Pfriemel, Egon Tierlieb und Ernst Meckergern. Aber auch der 14-jährige Praktikant Trevor Pfiffig aus der 8. Klasse der Highschool durfte mit dabei sein.

     „Leute“, sagte Direktor Leutefreund, „ich habe wieder einmal wie so oft eine längere Geschäftsreise vor mir. Aber, diesmal ist sie so wichtig und langwierig, dass ich nicht weiß, wann ich zurückkommen werde. Ich habe mir daher überlegt, dass wir mal etwas Vernünftiges aus unserer Portokasse machen sollten. Das Geld liegt immer nur so nutzlos in der Kasse und bringt keine Zinsen. Zu euch habe ich ein besonderes Vertrauen als meine leitenden Angestellten. Ich gebe euch jeweils eine bestimmte Geldsumme, mit der ihr etwas auf die Beine stellt, damit sich das Geld nutzbringend vermehrt. Macht damit, was ihr für richtig haltet und im Interesse der Firma ist.“ Die Angestellten nickten zustimmend und der Praktikant Trevor guckte interessiert zu.

 

     Er sah, wie der Chef dem Herrn Pfriemel 1000 Dollar , Herrn Tierlieb 500 Dollar und Herrn Meckergern 100 Dollar in die Hände drückte und sagte: „Macht damit Geschäfte, bis ich wiederkomme !“

     Heinrich Pfriemel rieb sich die Hände: „Whow, das ist eine gute Summe, damit lässt sich einiges machen“ und war mit seinen Gedanken schon dabei, wie er das Geld am besten vermehren könnte. Ebenso erfreut war Egon Tierlieb über die 500 Dollar. Das war zwar keine so große Summe. Aber auch damit ließe sich gut etwas anfangen. Auch er war in Gedanken schon fieberhaft auf der Suche, was er damit machen könnte. Herr Meckergern nahm die 100 Dollar, sagte aber nichts , machte ein etwas säuerliches Gesicht und guckte neidisch auf die beiden Kollegen, die mehr gekriegt hatten als er.

      In der Tür dreht sich der Chef noch einmal um und sagte zu seinem Praktikanten Trevor Pfiffig: „Oh, Trevor, für dich habe ich etwas ganz besonderes. Ich habe dich nicht vergessen. Hier nebenan im Erste-Hilfe-Zimmer sind noch drei schöne Wolldecken, die wir nicht mehr brauchen. Ich traue dir zu, dass du damit auch etwas zum Nutzen der Firma machen kannst“ . Und mit diesen Worten verließ der Chef seine Angestellten und ließ sich zum nächsten Flughafen chauffieren.

     Heinrich Pfriemel konnte eines sehr gut, das wusste jeder, der ihn kannte: Fahrräder reparieren. Er war begeisterter Radfahrer und ließ es sich nicht nehmen, Räder selber zu reparieren. Ich weiß, was ich mit den 1000 Dollar mache: Ich kaufe bei Versteigerungen billig Fahrräder auf, besorge mir die nötigen Ersatzteile und Werkzeuge , repariere die alten Räder und verkaufe sie für einen vernünftigen Preis. Gesagt, getan: Heinrich Pfriemel setzte sein Geld ein, annoncierte im Anzeigenblatt und hatte nach kurzer Zeit die ersten Kunden, die bei ihm verkehrssichere und preiswerte Fahrräder kauften.

 

     Egon Tierlieb hatte eine andere Idee: 500 Dollar waren eine Menge Geld. Er dachte sofort an Kaninchen, diese süßen kleinen Kuscheltiere, die Kinder so liebten. Holzbretter, Maschendraht, Futter und natürlich von der Zoohandlung ein männliches und ein weibliches Kaninchen. „Und dann züchte ich Kaninchen und verkaufe die kleinen possierlichen Tierchen mitsamt Käfig.“ Sobald wie möglich machte Tierlieb eine Kaninchenzucht auf und schon nach kurzer Zeit kamen die ersten Kinder mit ihren Müttern und kauften die ersten kleinen Kaninchen. Die 500 Dollar waren zwar ausgegeben, aber nach und nach kam das Geld wieder rein und wurde sogar mehr.

 

     Ernst Meckergern ging mit seinen 100 Dollar nach Hause und ärgerte sich immer noch. „So wenig !!! Was soll ich denn damit machen ? So was Ungerechtes vom Chef. Die kriegen 1000 und 500 Dollar und ich kriege fast gar nichts. Der Chef ist bloß zu faul, sich selbst etwas zu erwirtschaften. Ich weiß, was ich mache: Ich leg das Geld in ein Marmeladenglas und vergrabe es im Garten. Dann passiert nichts damit und dann kann er seine paar lumpigen Dollar so wieder haben wie er sie mir gegeben hat und ich habe keinen Ärger damit.“

      Bei Trevor war es anders. Er hatte nur 3 Wolldecken bekommen. "Was kann ich damit anfangen ?", überlegte er jeden Morgen, wenn er aufwachte und jeden Abend, bevor er einschlief. Eines Tages fuhr sein Vater mit ihm durch seine Heimatstadt Boston. Sie kamen an einem kalten Winternachmittag durch eine Straße und hielten vor einer Ampel. Da sah Trevor einen Mann neben Mülltonnen auf der Erde liegen, der sich als Schutz vor Kälte mit Zeitungen zugedeckt hatte. Ein paar Straßen weiter sah er wieder einen Stadtstreicher frierend und nur dürftig zugedeckt, diesmal auf einer Parkbank liegen. "Die Wolldecken!!!“ - „Papa," rief er. "Papa, hast du die Stadtstreicher auch gesehen, die erfrieren ja ! Kannst du mich noch mal mit den Wolldecken in diesen Stadtteil fahren ?" "Natürlich, ja, du hast ja Recht. Das ist eine gute Idee. Das machen wir."

So fuhr sein Vater ihn an diesem Tag noch einmal in den Stadtteil. Trevor fand die Stadtstreicher und gab ihnen die Decken. "O, danke, das ist eine Wohltat bei dieser Kälte. Danke, dass du an mich gedacht hast. Das ist ja wie Weihnachten !!!" So freuten sich die drei beschenkten Landstreicher.

     Am nächsten Morgen in der Schule berichtete Trevor von seinem Erlebnis und auch davon, dass es noch viel mehr solcher frierender Stadtstreicher gäbe und ob seine Mitschüler nicht auch ein paar alte Decken von zu Hause auftreiben könnten. Einige Mitschüler ließen sich von diesem Gedanken anstecken und waren Feuer und Flamme. Am nächsten Tag standen 3 Mädchen und 4 Jungen bei Mac Donalds und machten sich mit Decken bewaffnet auf die Suche nach frierenden Stadtstreichern. Die hatten sie schnell gefunden. Als die Klassenkameraden erlebten, wie dankbar ihnen die Decken abgenommen wurden und wie viel Elend es auf der Straße gab, wurden sie ganz betroffen und sie überlegten, wie sie den armen Menschen dieser Stadt noch mehr Gutes tun konnten.

 

     Nach ungefähr einem Jahr kam der Chef von seiner Auslandsreise zurück. Nachdem Herr Leutefreund alle Angestellten begrüßt hatte, bestellte er Heinrich Pfriemel, Egon Tierlieb, Ernst Meckergern und Trevor Pfiffig zu sich ihn sein Chefzimmer. "Nun, meine lieben Portokassen-verwalter, jetzt bin ich aber gespannt, was ihr aus den anvertrauten Dollars gemacht habt! Pfriemel, wie ist es denn bei Ihnen gelaufen ?"

      "Chef, durch einen Handel mit Gebrauchträdern habe ich aus den 1000 Dollar Startkapital 2000 Dollar gemacht," berichtete Heinrich Pfriemel strahlend und zählte das Geld auf den Tisch." "Das ist ja phantastisch!", rief der Chef begeistert aus. "Du hast aus wenig Geld viel gemacht. Ich lade Dich ein zu Deiner Beförderungsfeier!"

      "Und Sie, Egon Tierlieb, Ihnen hatte ich 500 Dollar anvertraut." "Chef, ich fand, dass das auch ein schönes Sümmchen war, mit dem man etwas anstellen konnte. Ich habe aus meinem Hobby ein Geschäft gemacht, Kaninchen gezüchtet und weiterverkauft. Tja, und nach dieser ganzen Zeit, da hat sich das Geld einfach so verdoppelt. Hier, ich habe damit 1000 Dollar erwirtschaftet." Mit diesen Worten zählte er den Betrag auf den Tisch. "Das ist ja phantastisch!", rief der Chef begeistert aus. "Du hast aus wenig Geld viel gemacht. Ich lade Dich ein zu Deiner Beförderungsfeier!"

     Nun trat ohne zu warten Ernst Meckermann vor den Chef, warf die 100 Dollar auf den Schreibtisch und sagte trotzig: "Hier, Chef, haben Sie Ihren Hunderter, den Sie mir zugedacht hatten. Ich habe ihn so lange im Garten vergraben. Sie krallen sich ja doch nur, was andere erarbeitet haben und machen sich selbst die Finger nicht schmutzig. Sie sind ein ungerechter und harter Arbeitgeber!" Man musste sich wundern, wie ruhig Herr Leutefreund nach diesen frechen Worten seines dritten Angestellten antwortete. "Wenn du die ganze Zeit geglaubt hast, dass ich ein harter Mann bin und ernte, was ich nicht gesät habe, dann hättest du doch mein Geld auf die Bank bringen können. Da hätte es wenigstens Zinsen gebracht. Solche Leute wie dich kann ich in meiner Firma nicht gebrauchen. Du bist ab heute fristlos entlassen."

     Nach diesen Worten ging Ernst Meckermann ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer und knallte die Tür wütend hinter sich zu. Der Chef nahm die 100 Dollar, ging zu Heinrich Pfriemel und gab sie ihm mit den Worten: "Hier, nimm die 100 Dollar und lege sie zu den 2000 Dollar dazu..l"

      "Und nun zu dir, Trevor. Wie ist es dir mit den Decken ergangen ?" "Herr Leutefreund, ich kann Ihnen weder Geld noch mehr Decken zurückgeben, aber die 3 Decken, die Sie mir anvertraut haben, waren der Grundstock für die Gründung einer Hilfsorganisation in meiner Stadt. Es gibt jetzt ein Haus, das nennen die Leute "Trevors Place". Dort können sich Obdachlose und arme Leute warme Decken und Kleidung abholen. Sie können sich dort auch duschen und eine warme Mahlzeit bekommen. Wer will, kann dort auch einmal übernachten und sich abends Geschichten aus der Bibel anhören." "Phantastisch, Trevor, du hast vollkommen in meinem Sinne gehandelt ! Ich bin stolz auf dich und werde dich zu einem meiner leitenden Angestellten befördern. Du bist herzlich zur Beförderungsfeier eingeladen."

 

     Große Begeisterung und Freude lag auf allen Gesichtern, denn diese Leute waren mit wenig anvertrauten Dingen treu gewesen, hatten es eingesetzt und vermehrt. Und noch lange sprachen sie später über diese wunderbare Feier.

 

     Damit ist diese Geschichte fast zu Ende. Es bleibt noch nachzutragen, dass das biblische Gleichnis, das Jesus von den drei Verwaltern erzählt hat, hier eine Erweiterung um einen jungen Mann erfahren hat, der vor einigen Jahren wirklich in Amerika gelebt hat. Es ist die Geschichte des Gründers von Hilfseinrichtungen für Obdachlose. Sein Name war Trevor und seine Einrichtungen in vielen Städten der USA nennt man auch heute noch Trevors Place. Aber auch jetzt ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Jesus fragt dich nach den Gaben, die er dir anvertraut hat und ist schon ganz gespannt, wie du sie einsetzen wirst oder bereits eingesetzt hast.

 

Denk einmal darüber nach!

 

 

(nacherzählt aus dem Neuen Testament der Bibel: Matthäus 25,14-30) )

 

H.W.Euhus©

 

Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Jürgen Werth